Zusammenfassung II, „Wir schaffen das“ oder „Dunkeldeutschland“

Im Winterurlaub im Januar 2015 habe ich das Buch „Dora Bruder“ von Patrik Modiano gelesen. Dem französischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger wurde der Preis „für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der deutschen Besatzung sichtbar gemacht hat“, verliehen. In „Dora Bruder“ spürt er, ausgehend von Zeitungsausschnitten, dem Verschwinden eines jüdischen Mädchens, Dora Bruder, nach. Es sind die Ergebnisse einer nahezu 10jährigen Recherche.

Dora Bruder wurde am 25. Februar 1925 in Paris geboren. Am 18. September 1942 wurde sie, mittlerweile 17jährig, über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das Todesdatum ist nicht bekannt. Ihre Spur endet in Auschwitz.

In dem Buch „Dora Bruder“ bietet Modiano unvermittelt einen Biografiesplitter. Er erwähnt kurz ein „junges Mädchen“, das um 1935 nach Paris aus Köln kommend geflüchtet sei und sich dort mit dem französischen Schriftsteller Roger Gilbert-Lecomte anfreundet und mit ihm zusammenzieht. Die junge Frau heißt Ruth Kronenberg. Wenige Sätze widmet er ihrem weiteren Schicksal: 1942 sei sie in Collioure, „als sie gerade vom Strand … zurückkam“, verhaftet und am 11. September 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert worden.

Eine Woche vor Dora Bruder.

Sie habe die Poesie und das Theater geliebt, nähen gelernt, um Kostüme für die Bühne zu schneidern.

Im Februar 2015 habe ich dieses Journal begonnen. Es protokolliert meine Recherchen zu Ruth Kronenberg. Unsortiert. Es protokolliert auch die Irrwege. Im Moment sind es überwiegend Sackgassen. Spuren, die je enden. Negative Antworten. Abgestorbene Äste eines Baumes.

Der Stand der Recherchen ist folgender (ab Zusammenfassung I v. 16. Juli 2015):

Die Familie Kronenberg besteht aus vier Personen:

– Sara Kronenberg, geb. Bach, geb. 15. Juli 1879 in Zeltingen/Mosel (im Landkreis Bernkastel-Wittlich), Jüdin, NS-Verfolgte, lebt in den 1950er Jahren in London.

– Emil Kronenberg, geb. 28. Juni 1870 in Geseke, NRW, Landkreis Soest, Jude, NS-Verfolgter, von Beruf Kaufmann, er gibt als Familienstand verheiratet an.

– Ruth Paula Kronenberg, geb. 17. Oktober 1914 in Bochum, von Beruf Schneiderin, wird für tot erklärt, das Todesdatum wird auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

– Max Hermann, ihr Bruder, vermutlich 1911 oder 1912 geboren, wohnte in den 1940er Jahren in London, in den 1950er Jahren in Düsseldorf.

Das Ehepaar ist geschieden. Die Familie scheint nicht in Bochum gewohnt zu haben. Ihre Spuren sind für die NS-Zeit in Köln und Dortmund, ab 1945 in Düsseldorf und London nachweisbar.

Eine Anfrage bei der Bundeszentralkartei, dem Register aller Entschädigungsverfahren in der BRD in Düsseldorf, bleibt zunächst erfolglos. Ebenso wie eine Anfrage bei der Gedenkstätte Auschwitz. Der ITS Arolsen ermöglicht mir, die dortigen Dokumente als Scan zu erhalten. Das ist ein toller Service.

In den Adressbüchern für Köln finde ich einige Wohnadressen. Allerdings ist der Vater ab 1927 nicht mehr in Köln nachweisbar. Das ist eine erste Spur darauf, dass das Ehepaar sich scheiden ließ. Entsprechend laufen meine Recherchen bzgl. eines eventuellen Todes des Vaters ins Leere. Für 1937 finde ich eine Adresse in Köln: Alteburger Wall 14.

Ab Spätsommer ergibt sich im aktuellen Europa eine unvorhergesehene Entwicklung: hunderttausende Flüchtlinge kommen über die Meerenge zwischen Griechenland und der Türkei nach Europa. Geschichte wiederholt sich nicht. Und: historische Vergleiche hinken immer. Aber: ich recherchiere die kurze Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin in der NS-Zeit, die ihre Heimat verließ, flüchten musste, um zu überleben. Dieser Fluchtversuch endete in Auschwitz.

Nach 1945 flossen diese Erfahrungen in unser Grundgesetz mit ein. U.a. führten sie zu dem Artikel 16a, der zu den 19 Artikeln gehört, die die Grundrechte definieren: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Ich habe den Eindruck, als sei die Gegenwart der noch düstere Hintergrund, vor dem ich die Geschichte zu Ruth Kronenberg recherchiere.

Als schaffe Europa sich genau in dem Moment ab, als dieser Artikel zum ersten Mal nach dem Ende des II. Weltkriegs einer ernsthaften Belastungsprobe unterzogen wird.

Führende Politiker in Europa befürchten mittlerweile ein Auseinanderbrechen der Europäischen Union wegen der Flüchtlingsfrage. Das ist unvorstellbar! Das ist unglaublich!

Bundespräsident Joachim Gauck sagt: „Es gibt ein helles Deutschland, das sich hier leuchtend darstellt, gegenüber dem Dunkeldeutschland, das wir empfinden, wenn wir von Attacken auf Asylbewerberunterkünfte oder gar fremdenfeindlichen Aktionen gegen Menschen hören.“

Bundeskanzlerin Merkel sagt den Satz: „Wir schaffen das!“ Sie wird am Ende des Jahres vom Time-Magazin zur Person des Jahres gekürt.

Günter Verheugen in einem Interview mit tagesschau.de v. 29.10.2015, 12:07Uhr:

„Ich bin sehr besorgt – mehr als ich es jemals war. Ich hätte bis vor kurzem an die Möglichkeit eines Scheiterns der europäischen Integration nicht geglaubt. Ich hätte das für unmöglich gehalten. Ich halte es heute nicht mehr für unmöglich, dass sich die EU tatsächlich auflöst. […] Ich kann nur eindringlich an alle, die politische Führungsämter inne haben, appellieren, sich dem mit aller Kraft entgegenzustemmen.“

Im Oktober 2015 eröffnet in Rivesaltes eine Gedenkstätte, der Ort, der auch für Ruth Kronenberg ein Schicksalsort wurde.

Ende November wende ich mich nochmals an die Bundeszentralkartei in Düsseldorf. Ich gebe das Aktenzeichen einer Wiedergutmachungsakte an und schicke die Scans vom ITS Arolsen weiter. Völlig überraschend bekomme ich die Antwort, dass eine Akte gefunden worden sei.

Ich fahre nach Düsseldorf und sehe die Akte ein. Eine Fülle an neuen Informationen sprudelt mir entgegen. Das Jahr geht zu Ende und mir ist ein entscheidender Rechercheschritt gelungen.

Parallel warnt am 21.12.2015 der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, vor einem Auseinanderbrechen der Union.

Ich werde die folgenden Monate damit beschäftigt sein, diese Informationen aus der ‚Wiedergutmachungsakte‘ zu sichten und auszuwerten.

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