Köln 16

Letzter Wohnort in Köln: Vorgebirgsplatz 10, Stadtteil Zollstock. So geben es die Eltern in der Wiedergutmachungsakte an.

Von hier ist Ruth Kronenberg 1937 nach Frankreich geflüchtet.

Ich mache mich auf den Weg in die Stadt, um das Haus zu suchen.

In der Wohnstraße dann eine weitere überraschende Wendung: vor der Hausnummer liegen Stolpersteine …

Die vier Stolpersteine beziehen sich vermutlich auf zwei Familien: Herzberg und Meyer. In jedem Fall wurden die Stolpersteine zu unterschiedlichen Zeitpunkten verlegt: zunächst der für Fredericke Meyer Februar 2001 und für die Familie Herzberg im Januar 2007. Der erste Stein gehört somit zu der ersten großen Verlegungswelle in Köln. Er wurde noch von Gunter Demnig selber angefertigt. Die drei anderen bereits von einem Künstlerkollegen von Gunter Demnig. Erkennbar ist dies z.B. an der Gestaltung der Inschriften: die Buchstaben des Steins von Gunter Demnig sind sehr viel weicher eingeschlagen, die Abstände zwischen den Buchstaben sind größer, mitunter tanzen die Buchstaben.

Mittlerweile gibt es zu Fredericke Meyer weitere Informationen: sie wurde im Mai 1942 von Litzmannstadt nach Kulmhof deportiert und dort ermordet. Über die drei anderen Personen gibt die Kölner Datenbank des NS-Dokumentationszentrums „EL-DE-Haus“ zu den Stolpersteinen keine weiteren Informationen an. Alle drei wurden in Auschwitz ermordet.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, die Vorstellung, an einem Ort zu sein, von dem aus sich der Lebensweg dieser Menschen in die Vernichtung gabelte. Es ist das gleiche Gefühl wie bei Besuchen in den KZ-Gedenkstätten oder auf den Schlachtfeldern des I. und II. Weltkriegs, am Strand der Normandie … die Stolpersteine verorten diese Geschichte vor der Haustür. Unmittelbar. Nicht im geschützten Abseits sonstiger Gedenkorte. An diesem letzten Wohnort wird es persönlich, das Gedenken, unpersönlich ist es, wenn man vor einer Namenswand steht. Am Wohnort ist es wie ein Blick durchs Fenster ins Wohnzimmer. Intim. Die steife, sterile Atmosphäre vor einem Denkmal wird eingetauscht in eine Privatsphäre. Vor Rathäusern verlegt, wirken sie schon viel verlorener, zusammenhangslos, wieder unpersönlicher. Botschaft der Steine hier aber ist: Es ist wahr …

Heutige Bewohner kommen aus der Haustür, sehen mich fotografieren, gehen ihren Geschäften nach. Wohnen sie in einer der Wohnungen aus denen Juden in die Vernichtung deportiert wurden? Wissen sie, in welchen Wohnungen des Hauses die Vormieter gelebt haben?

Zu den vier bekannten NS-Verfolgten kommen nun zwei weitere hinzu: Ruth Kronenberg und ihre Mutter. Ist hier der Impuls für mich, die Verlegung eines Stolpersteins für Ruth Kronenberg anzuregen? Die Frage beschäftigt mich im Moment noch nicht. Ich will vorerst mehr über die Biografie wissen … vielleicht auch über dieses Haus, denn die Häufung der Namen ist mit Sicherheit kein Zufall. Kannten sich die Bewohner? Lebten sie gleichzeitig hier oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten? Welches ist das Schicksal der anderen?

Weitere Stolpersteine sehe ich in der Straße nicht.

Warum zog die Mutter hier aus? Denn laut eines Adressbuchs ist sie 1941/42 am Mathiaskirchlatz 28D in Köln-Bayenthal zu finden.

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