„Keiner will sie“*

In einem Essay vergleicht Claus Leggewie die Flüchtlingskonferenz am 6. Juli 1938 in Évian-les-Bains am Genfer See mit der aktuellen Situation: „‘Als die Welt die Juden verriet‘ lautet der Titel einer jüngst erschienenen Darstellung des Évian-Dramas. Deren Autor Jochen Thies zieht eine direkte Parallele zum aktuellen Unwillen der westlichen Gesellschaften, Schutzsuchende aufzunehmen. Aber trifft diese Analogie zu?“

Gegen Ende des Essays kommt er zum Schluss, dass die Unterschiede zu 1938 „auf der Hand“ lägen. Im Gegensatz zu 1938 stelle sich die westliche, „superreiche Welt taub“. Obwohl Kriegsgebiete und Flüchtlingslager nur „einen Steinwurf“ von den Urlaubszentren entfernt lägen.

Aber vieles erinnere aber auch an damals. So sei „der völkische Wahn“ nicht aus der Welt. Und so kommt Leggewie zu dem Resümee: „Das politische Bewusstsein endet mehr und mehr an den eigenen Grenzen. Völkisch-autoritäre Nationalisten kündigen, wie in Italien, sogar schon an, zu Vertreibungsaktionen überzugehen. […] Wie schrieb Golda Meïr noch 1938: ‚Wisst ihr denn nicht, dass diese verdammten ‚Zahlen‘ menschliche Wesen sind?‘“

*Das Zitat „Keiner will sie“ geht auf den „Völkischen Beobachter“ zurück, der damit das Ergebnis der Konferenz von 1938 bilanzierte.

Quelle: Leggewie, Claus, „Keiner will sie“, in: DIE ZEIT Nr. 26 v. 21.6.2018, S. 20.

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Irrfahrt

„Nach tagelanger Irrfahrt über das Mittelmeer sind die ersten der 629 Flüchtlinge des Hilfsschiffs ‚Aquarius‘ in Spanien angekommen. Das erste Boot legte am Morgen im Hafen von Valencia an.“

Quelle: http://www.tagesschau.de/ausland/aquarius-spanien-111.html

Roman-Adaption auf Berlinale

Wie aktuell ist Anna Seghers „Transit“ in Christian Petzolds Verfilmung?

Eine ähnliche Geschichte spielt nun auch Paula Beer in Christian Petzolds Film „Transit“, der den Seghers-Roman in die Gegenwart Marseilles holt und vor dem Hintergrund der sogenannten „Flüchtlingskrise“ darüber spekuliert, wie es wäre, wenn plötzlich Neofaschisten in Deutschland an die Macht kämen und Schriftsteller und andersgläubige Deutschlandbewohner wieder in eine nächste neue Welt auswandern müssten.

Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Transit_(2018)

Das Meer

„Ich hielt vor dem Hafenamt. Sein Vorraum war fast leer, gemessen an den Tausenden, deren Ziel das Hafenamt war. Er war der letzte aller Vorräume. Wenn der, der ihn durchwartet hatte, nicht doch noch zurück musste, endgültig, hoffnungslos, dann kam danach gar kein Warteraum mehr, nur das Meer.“

Quelle: Anna Seghers, Transit, Konstanz 1948, S. 296.

Warten

„Man erwiderte ihm: Auf was wartest du eigentlich? Du bist doch schon längst in der Hölle. Das war sie nämlich: ein blödsinniges Warten auf nichts. Was kann denn höllischer sein?“

Quelle: Anna Seghers, Transit, Konstanz 1948, S. 235.