Illegaler Grenzübertritt

„‘Sie müssen nach Deutschland zurück‘, sagte er auf Deutsch.

‚Aber ich bin ein Flüchtling – ich bin ein Jude. Man hat mich verhaften wollen. Man wird mich in ein Konzentrationslager einsperren.‘

‚Wir dürfen Sie nicht durchlassen.‘ […]

‚Ich protestiere!‘. sagte er. ‚Ich bleibe hier! Sie haben nicht das Recht, Sie dürfen das nicht! Ich bin dochin einem freien Land!‘

‚Sie haben die Grenze illegal überschritten.‘

‚Aber ich musste doch – man hat mich verfolgt.‘

‚Es können nicht alle nach Belgien kommen.‘“

Aus: Boschwitz, Ulrich Alexander, Der Reisende, Klett-Cotta, Stuttgart 2018, S. 195.

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Über die Bezeichnung Emigranten

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Das heißt doch Auswandrer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da
Aufnahm

Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde täuscht uns nicht! Wir hören die
Schreie

Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.

Aus: Bertold Brecht, Svendborger Gedichte, Frankfurt am Main 1979.

Geschlossene Grenzen – Die internationale Flüchtlingskonferenz von Évian 1938

Eine Ausstellung des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Vom 6. bis 15. Juli 1938 trafen sich Vertreter von 32 Staaten im mondänen Badeort Évian-les-Bains am französischen Ufer des Genfer Sees. Anlass war eine von US-Präsident Roosevelt einberufene Konferenz zur Flüchtlingskrise in Europa, die durch die Vertreibung der Juden aus dem Deutschen Reich und dem gerade „angeschlossenen“ Österreich durch das NS-Regime ausgelöst worden war.

Die Konferenzteilnehmer bekundeten zwar ihr Mitgefühl mit den Geflüchteten, lehnten die Aufnahme zusätzlicher Flüchtlinge jedoch mit unterschiedlichen Begründungen ab.

Quelle: https://www.gdw-berlin.de/angebote/ausstellungen/ausstellung/view-aus/geschlossene-grenzen-die-internat/

„Als ich in Australien ankam, war ich ein Flüchtlingskind”

„Empathie scheint in den heutigen Zeiten Mangelware zu sein. … Hass gedeiht um uns herum. … Flüchtlinge und Asylsuchende werden aufs Neue selbst in den sichersten, wohlhabendsten und unterbevölkertsten Ländern als Untermenschen behandelt. … Zu viele von uns haben offenbar ein Defizit in Sachen Gewissen. Bitte, räumen Sie Ihr Gewissen auf. Die Welt benötigt es dringend.“

Lily Brett (aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz), wurde 1946 in einem DP-Lager in Bayern geboren. Ihre jüdischen Eltern hatten den Holocaust überlebt und wanderten/flüchteten mit ihr 1948 nach Australien aus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 29.7.2018, S. 40