Ein Exilmuseum in Berlin?

Herta Müller fordert ein Exilmuseum in Berlin. Sie hatte dazu eine Tagung initiiert, die im Literaturhaus Berlin im November stattfand. In einem Interview sagte sie: „Aber das Exil ab 1933, die Vertreibung von Hunderttausenden Deutschen ins Ausland, ist eine Leerstelle in der Museumslandschaft. Es ist wie eine stillgestellte Zeit, die wir bis heute nicht an uns heranlassen.“

Absolut richtig.

Es wurde aber auch darauf hingewiesen, dass es sehr wohl viel Forschung gibt, dass aber das Thema selber in der Öffentlichkeit, in der Gesellschaft noch nicht angekommen sei, und dass die Politik nur schwer dafür zu begeistern sei.

Ganz im Gegensatz zum Thema „Flucht und Vertreibung“ aus den östlichen Gebieten. Hierzu wird es bald ein entsprechendes Museum geben.

Die Stolpersteine zeigen immer wieder, dass das Thema „Exil“ ein Weg in die Gegenwart ist: An den Verlegungen nehmen immer wieder Verwandte teil, die Nachkommen derer sind, die in der NS-Zeit flüchteten und überlebten. Sehr häufig initiieren diese Nachkommen überhaupt erst die Erinnerung und das Gedenken an ihre Verwandten.

Unbemerkt und unauffällig ist das Thema also bereits in der deutschen Gedenktopografie angekommen.

Das Interview: http://www.morgenpost.de/kultur/article208752879/Deutschland-steht-nicht-gut-da-findet-Herta-Mueller.html

Ein Bericht über die Tagung im Literaturhaus Berlin: http://www.deutschlandfunk.de/tagung-in-berlin-braucht-deutschland-ein-exilmuseum.691.de.html?dram:article_id=371860

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Zusammenfassung I, Sackgassen

Im Winterurlaub im Januar 2015 habe ich das Buch „Dora Bruder“ von Patrik Modiano gelesen. Dem französischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger wurde der Preis „für die Kunst des Erinnerns, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen und die Lebenswelt während der deutschen Besatzung sichtbar gemacht hat“, verliehen. In „Dora Bruder“ spürt er, ausgehend von Zeitungsausschnitten, dem Verschwinden eines jüdischen Mädchens, Dora Bruder, nach. Es sind die Ergebnisse einer nahezu 10jährigen Recherche.

Dora Bruder wurde am 25. Februar 1925 in Paris geboren. Am 18. September 1942 wurde sie, mittlerweile 17jährig, über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das Todesdatum ist nicht bekannt. Ihre Spur endet in Auschwitz.

Ich fühlte mich beim Lesen des Buches an meine eigenen Arbeiten als Historiker erinnert. Immer wieder wurde und werde ich mit Biografien von Menschen konfrontiert, deren Spuren wie kurze Lichtblitze in einer stockfinsteren Nacht sind. Mitunter versuche ich, diese Lichtblitze zu einem vollausgeleuchteten Bild vom damaligen Geschehen zusammenzusammeln. Aber in den allermeisten Fällen bleibt es bei diesen Lichtblitzen. Zurück bleibt bei mir eine unendliche Verzweiflung, dass es mir nicht gelingen will, die Biografie des Menschen, dessen Spur ich verfolge, zu vervollständigen, es zu einem Bild von der Person werden zu lassen.

Zwei Zitate in dem Buch berührten mich besonders.

„Es dauert lange, bis das, was ausgelöscht worden ist, wieder ans Licht kommt. Spuren bestehen noch in Registern fort, und man weiß nicht, wo sie versteckt sind und welche Hüter über sie wachen und ab diese bereit sein werden, sie einem zu zeigen … Es genügt ein wenig Geduld.“

                                                     Patrick Modiano, aus: Dora Bruder

„Und trotzdem war von Zeit zu Zeit unter dieser schweren Decke einer verlorenen Erinnerung etwas zu spüren, ein fernes, ersticktes Echo, aber man wäre außerstande gewesen zusagen, was genau.“

                                                     Patrick Modiano, aus: Dora Bruder

Natürlich präsentiere ich meine Rechercheergebnisse gänzlich anders als Patrick Modiano. Ich bin Historiker. Aber in diesen beiden Zitaten drücken sich Erfahrungen eines gemeinsamen Weges aus, den sowohl der Historiker als auch der Schriftsteller beschreiten, gemeinsame Empfindungen, dumpfe Ahnungen, bevor sich die Wege dann trennen, verzweigen und zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Ich gebe es zu, ich bin neidisch auf den Schriftsteller. Er kann aus einem ungleich größeren Farbspektrum schöpfen, um sein Bild zu malen. Meine Farbpalette ist dagegen beschränkt, eingegrenzt auf wenige Farben, Nicht-Farben eigentlich, denn farbig, im Sinne einer Lebendigkeit, soll es gerade nicht sein. Meine Farbpalette besteht aus diversen Grautönen. Sachlich, weitgehend emotionslos, kühl, distanziert, für jeden Satz, für jede Feststellung nach einem Beleg, einem Beweis, einer Quelle suchend.

Und der Schriftsteller hat auch die Freiheit, ein Nicht-Ergebnis zu präsentieren, ein Scheitern, eine Leerstelle. Der Historiker wendet sich absehbar ergebnislos verlaufenden Biografierecherchen erst gar nicht zu, wohlwissend, dass damit das Gesamtbild auch unvollständig bleibt, das Ziel aber bleibt das möglichst vollständige Bild.

In dem Buch „Dora Bruder“ bietet Modiano unvermittelt einen Biografiesplitter. Er erwähnt kurz ein „junges Mädchen“, das um 1935 nach Paris aus Köln kommend geflüchtet sei und sich dort mit dem französischen Schriftsteller Roger Gilbert-Lecomte anfreundet und mit ihm zusammenzieht. Die junge Frau heißt Ruth Kronenberg. Wenige Sätze widmet er ihrem weiteren Schicksal: 1942 sei sie in Collioure, „als sie gerade vom Strand … zurückkam“, verhaftet und am 11. September 1942 von Drancy nach Auschwitz deportiert worden.

Eine Woche vor Dora Bruder.

Sie habe die Poesie und das Theater geliebt, nähen gelernt, um Kostüme für die Bühne zu schneidern.

Aus.

Als ich diese Stelle las, dachte ich sofort, man müsste … man müsste versuchen … „vom Strand zurückkommend“, Südfrankreich, in der Nähe der Pyrenäen, dort, wo zu der Zeit sich viele Juden aufhielten, um eine Möglichkeit zu finden, nach Spanien über die Pyrenäen zu flüchten, Walter Benjamin, die Gegend, die ich als das „Nadelöhr von Auschwitz“ bezeichne … Portbou … Köln … Köln … man müsste es versuchen …

Im Februar 2015 habe ich dieses Journal begonnen. Es protokolliert meine Recherchen zu Ruth Kronenberg. Unsortiert. Es protokolliert auch die Irrwege. Im Moment sind es überwiegend Sackgassen. Spuren, die je enden. Negative Antworten. Abgestorbene Äste eines Baumes.

Der Stand der Recherchen ist folgender:

Ruth Kronenberg wurde am 12. Oktober 1914 in Bochum geboren. Ihr Vater hieß Emil, ihre Mutter Sara. Sie war eine geborene Bach. Die Familie scheint nicht in Bochum gewohnt zu haben. Ihre Spur konnte ich erst wieder in Köln aufnehmen.

Die Adressbücher von 1931 und 1935 für Köln weisen eine „Sara Kronenberg, Frau, ohne Beruf“ in der Palanterstr. 34 nach. 1941/42 ist sie am Mathiaskirchlatz 28D in Köln-Bayenthal zu finden. Einen Eintrag unter Emil Kronenberg habe ich im Moment noch nicht gefunden. Das bedeutet, dass sie entweder geschieden waren oder das Emil Kronenberg bereits verstorben war.

Die einschlägigen Gedenkbücher geben keinen Hinweis auf einen „Emil Kronenberg“. Auch eine „Sara Kronenberg“ ist nicht erfasst. Sind beide von der NS-Verfolgung nicht betroffen gewesen? Aller Wahrscheinlichkeit nach flüchtete die Tochter also nach 1933 (1935) allein nach Paris.

Ihre Adresse dort: im Viertel um die Metrostation Plaisance, in einem Atelier der Rue Bardinet Nr. 16bis.

Irgendwann nach dem Einmarsch der deutschen Truppen muss Ruth Kronenberg nach Südfrankreich weiter geflüchtet sein.

Ihr Freund, der Schriftsteller Roger Gilbert-Lecomte, hat sie wohl nicht begleitet, sondern ist in Paris geblieben. Er war vermutlich drogenabhängig, sehr wahrscheinlich morphiumsüchtig. Er stirbt am 31. Dezember 1943, 36jährig, an Tetanus und ist in Reims beerdigt.

Eine Recherche in der Datenbank der Gedenkstätte von Yad Vashem ergibt eine überraschende Wendung: Demnach soll sie 1942 in Carcassonne ermordet worden sein. Als Beruf wird „Schneiderin“ angegeben. Die Quelle: eine Verwandte namens Margareta Elkan.

Diese Spur erweist sich als nicht stimmig, da Ruth Kronenberg aus dem Lager Rivesaltes (Südfrankreich) nach Drancy kam, was durch ein Dokument (Transportliste des Lagers) belegt ist.

Hinzu kommt ein Schreiben der Mutter, das mir der ITS Arolsen mitteilt. Demnach flüchtete Ruth Kronenberg 1939 nach Paris. In Carcassonne lässt sie sich als Schneiderin nieder. Im Sommer 1942 macht sie eine kleine Reise mit einer Freundin an die Mittelmeerküste. Sie wird am 20. August 1942 in Perpignan verhaftet und wird am 4. September 1942 von Rivesaltes aus nach Drancy überführt, von wo sie eine Woche später nach Auschwitz deportiert wird.

Das Schreiben der Mutter kommt aus London.

1957.

Die Angaben habe sie, die Mutter, von der Freundin.

***

Ich weiß nicht, worauf es hinausläuft.

Ich kenne das Ende der Geschichte nicht.

Das Journal zu führen, heißt für mich, die Spur aufzugreifen, der Erinnerung nachzuspüren, einer Geschichte, der Geschichte, ohne dass das Ziel eindeutig definiert wäre.

Da ist eine Spur.

Ich mache mich auf den Weg.

Bochum V

Antwort Standesamt Bochum

„Ihre Urkundenanforderung

Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr,

Sie haben bei uns eine Urkunde angefordert. Diese können wir Ihnen aus Datenschutzgründen leider nicht zuschicken. […]

Können Ahnenforscher ein rechtliches Interesse geltend machen?

[…] Ahnenforschung [begründet] kein rechtliches Interesse an der Ausstellung von Personenstandsurkunden.

Urkunden an Ahnenforscher dürfen daher nur ausgehändigt werden, wenn diese eine Vollmacht von einer der oben genannten Personen vorlegen können. Sollte die Person, deren Urkunde Sie benötigen, noch Vorfahren oder Abkömmlinge in auf- oder absteigender Linie haben und diese Ihnen eine Vollmacht ausstellen, könnte ich Ihnen die erbetene Urkunde zusenden. Ansonsten ist mir dies leider aus den vorstehenden Gründen nicht möglich.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Standesamt“

Bochum III

Antwort vom Stadtarchiv:

„…der Jahrgang 1914 der Geburtenbücher ist im Standesamt Bochum. Sie können es versuchen, dort eine Auskunft zu bekommen. Emil oder Sara Kronenberg sind hier nicht geboren (vor 1904) und haben hier nicht geheiratet (vor 1934).

Viel Glück bei Ihren weiteren Recherchen.

Mit freundlichen Grüßen“

Köln II

Schreiben an das Einwohnermeldeamt, Kundenzentrum-Innenstadt:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

im Zuge einer Recherche über die ns-verfolgte Jüdin Ruth Kronenberg, geb. am 12.10.1914 in Bochum, verstorben vor 1945 im KZ Auschwitz, frage ich an, ob über sie eine Adresse und Meldedaten bekannt sind. Ruth (Paula) Kronenberg lebte bis in die 1930er Jahre in Köln. Können Sie mir weiterhelfen?

Mit freundlichen Grüßen“

Recherche Yad Vashem

Eine Recherche in der Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem ergibt eine überraschende Wendung. Dort wird eine zweite Ruth (auch Rut) Paula Kronenberg gelistet. Der Vorname ihres Vaters soll „Emil“ und der der Mutter „Sara“ gelautet haben. Als Familienstand wird „alleinstehend“ angegeben. Als Beruf „Schneiderin“. Demnach sei sie 1942 in Carcassonne, Aude, ermordet worden. Dies berichtet eine Verwandte, Margareta Elkan.

http://db.yadvashem.org/names/nameDetails.html?itemId=423575&language=de

Andere Einträge bestätigen die Deportation nach Auschwitz am 11.9.1942. Die Quellen sind das „Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“ des Bundesarchivs und die „Liste von Deportierten aus Frankreich, Le mémorial de la déportation des Juifs de France, von Serge und Beate Klarsfeld, Paris 1978“.