Isolani, Stadt ohne Männer

Isolani schildert Episoden aus dem Camp: die Ehefrau, die im Camp auf die Geliebte ihres Mannes trifft; ein im Lager geborenes Kind soll adoptiert werden; eine Schauspielerin, die 10 Tage vor ihrem 55. Geburtstag interniert wird; eine Tochter findet ihre Mutter im Lager (die Tochter hatte mit dem Vater Deutschland verlassen, während die nicht-jüdische Mutter in Deutschland bliebt); über eine Frau, die ihren Mann in dem Lager für die Spanier entdeckt; sie schreibt über die Tristesse, die graue Lehmwüste des Lagers, über die „Eintönigkeit dieser endlosen Barackenstadt“; über französische Frauen, die plötzlich erfahren, dass sie Deutsche („Papierdeutsche“) sind (und deshalb interniert werden) und denen ebenso das Wasser am Bahnhof in Dax verweigert wurde („Attention! Les Femmes des Boches,ne donnez pas de l’eau!“); und über das Briefeschreiben, denn Briefe sind „das letzte, kostbarste Stückchen Freiheit, das den gefangenen Frauen geblieben ist“, wobei Frauen im Lager, die niemandem schreiben können, ihre Adressen verkaufen (Erfindung von Gaby aus der Baracke 14!), um so anderen es zu ermöglichen, die Anordnung umgehen zu können, nur einen Brief und eine Postkarte pro Woche schreiben zu dürfen; dank Lagerhaft Emanzipationsprozess?

Der Roman ist aber merkwürdig unpolitisch. Es werden keine Verursacher der Situation benannt.

Manche Misshelligkeit ist angesichts des weiteren Schicksals vieler Gurs-Internierten belanglos.

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Flüchtlinge als Feinde

„Man war jung und stark und ohne Uniform, mit einem fremden Akzent und mit ausländischen Papieren. Das konnte nur ein Spion sein … Vier oder fünf dieser harmlosen Flüchtlinge, die nur zu ihren Frauen wollten, – nichts sonst auf der Welt – haben sie brutal aus den Waggons gezerrt und als ‚fünfte Kolonne‘ blau geprügelt. […] Denkt auch, Kinder, wenn es nicht so traurig wäre, es ist direkt zum Lachen: Unsere armen jüdischen Männer, die über drei und vier Grenzen hinweg geflohen sind. […] Aber es soll sehr schwer gewesen sein, hat mir einer erzählt, diesen völlig verirrten und verängstigten Franzosen, die noch ganz niedergeschmettert von ihrer Niederlage sind, einmal klar zu machen, wer wir Emigranten eigentlich sind und auf welcher Seite wir stehen…“

Gertrud Isolani, Stadt ohne Männer, Zürich 1945, S. 284f.

Migrationspakt

Es ist das erste Abkommen, das globale Richtlinien für die internationale Migrationspolitik festlegt. An den Verhandlungen über den Pakt waren insgesamt 192 Staaten beteiligt gewesen. Doch nicht alle stellten sich letztendlich hinter die Leitlinien. 28 Länder – darunter die USA, Österreich und Ungarn – lehnten den Pakt ab.

Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/un-migrationspakt-127.html

Kameradinnen

„Kameradinnen, ich weiß wohl, es ist Frankreich, oder besser gesagt, der französische Staat, der uns hier gefangen hält. Und trotzdem ist Frankreich uns Emigranten teuer. Wir haben eine schmerzlich tiefe und oft unerwiderte, tragische Liebe zu diesem Land, in das wir uns flüchteten, und das uns eine zweite Heimat geworden ist. […] Gott schütze Frankreich, Vive la France!“

Gertrud Isolani, Stadt ohne Männer, Zürich 1945, S. 275f.

Wir sind, wir werden, wir bleiben: Kameraden

  1. Strophe des Lieds der Baracke 8:

„Sechzig Weiber sind wir dans notre baraque

Viel Jugend, und welche vom alten Schlag.

Wir essen, wir schlafen, wir schimpfen, wir schrein,

Um die Linsen, um Kaffee, um mein und dein;

Um Post, um Männer, um Freundschaft beim ersten Blick,

Arm oder reich, – klein oder groß, – wir ziehen an einem Strick,

Ob wir am Brunnen sind oder Clo …, ob wir am Stacheldraht sonnenbaden,

Wir sind, wir werden, wir bleiben: Kameraden“

Gertrud Isolani, Stadt ohne Männer, Zürich 1945, S. 221

In den ‚Straßen‘ …

„In den ‚Straßen‘ zwischen den unaufhörlichen Reihen der Holzbaracken und am Stacheldraht zwischen den einzelnen Ilôts herrscht reges Leben. An den Brunnen wird fleißig gewaschen – Kleider und Hemden und braune, blonde, schwarze Lockenköpfe –, am Stacheldraht und an den quer über die ‚Straßen‘ gespannten Wäscheleinen baumeln lustig in allen Farben die Hemden, Hosen, Strümpfe, Blusen, Decken und Tücher der Frauen. Manche Besitzerin eines einzogen Kleidungsstückes kniet entkleidet davor, behält es wachsam im Auge, wartet, bis es trocken ist, – denn sie möchte heute abend nicht gerade nackt in die Flohkiste zurück.“

Gertrud Isolani, Stadt ohne Männer, Zürich 1945, S. 214